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Das Forschungsprojekt soll am Beispiel der Tau’t Batu im Hochland von Palawan (Philippinen) einen Beitrag zur Untersuchung von Mustern der Raumnutzung und Strategien des Ressourcenmanagements saisonal mobiler Gruppen von Jäger-Sammlern und Bodenbauern leisten. Die zur Hälfte mit primärem Regenwald bedeckte Insel ist durch eine außerordentlich hohe Biodiversität gekennzeichnet, deren Ökosystem aufgrund illegaler Abholzung bei gleichzeitigem unkontrolliertem Brandrodungsfeldbau von zugewanderten Migranten in den Küstengebieten sowie durch lokale Auswirkungen des Klimawandels zunehmend gefährdet ist. Vor diesem Hintergrund rezenter Umweltveränderungen sieht sich die bislang unerforschte Gruppe der Tau’t Batu einer zunehmenden Begrenzung der verfügbaren Nahrungsressourcen und damit einer wachsenden Vulnerabilität ausgesetzt. Entsprechend steht die Frage im Mittelpunkt, welche wirtschaftlich adaptiven Raumnutzungsformen zur Sicherung essentieller Ressourcen in Situationen von Gefahren oder Krisen natürlichen oder anthropogenen Ursprungs praktiziert werden und inwieweit diese zur Risikominimierung beitragen. Dabei sollen Wirkungszusammenhänge zwischen den regionalen Umweltbedingungen, Mustern der räumlichen Mobilität bei verschiedenen Strategien der Ressourcennutzung und flexiblen Strukturen der Haushaltsökonomie ermittelt werden. Wie sehen die Modalitäten der Raumnutzung im konkreten Alltag der Lokalgruppen aus? Wie werden Umweltveränderungen, Gefahren sowie Krisen als soziale Realität wahrgenommen und interpretiert? Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung besteht in der Frage, inwiefern die wirtschaftlichen Aktivitäten der Gruppe und das überlieferte Wissen über die Umwelt, einschließlich des in der lokalen Religion verankerten Weltbildes mit der natürlichen Umwelt zusammenhängen und inwieweit diese Faktoren ökonomische und soziale Entscheidungen beeinflussen.
Interethnische Beziehungen und transkulturelle Verwandtschaft bei den Wampar (Papua-Neuguinea), gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds seit 2009
In dem Forschungsvorhaben wird in drei Einzelprojekten der Frage nachgegangen, wie interethnische Beziehungen, Auffassungen von Verwandtschaft und transkulturelle Verwandtschaft (interethnische Ehen, bi- oder multiethnische Abstammung, Zugehörigkeit und Sozialisation) bei den Wampar in Papua-Neuguinea miteinander zusammenhängen. Dabei stehen nicht nur wie bisher Ehepaare und Erwachsene im Mittelpunkt, sondern auch die Beziehungen zwischen Verwandten und Nachkommen aus interethnischen Ehen: Welche Auffassungen haben diese von verwandtschaftlichen Beziehungen, wie sehen sie ihr eigenes Netzwerk bzw. ihre Verwandtschaft und wie oder wann nutzen, betonen, negieren oder lösen sie unterschiedliche Beziehungen? Nachkommen aus interethnischen Ehen wachsen gleichzeitig in verschiedenen Verwandtschaftssystemen und mit unterschiedlichen Vorstellungen von Verwandtschaft auf. Das erlaubt einerseits individuelle Entscheidungen, etwa zu welcher Seite und zu welchen Personen Beziehungen intensiviert werden und Verbundenheit (relatedness) betont wird. Anderseits werden auch von dem jeweiligen sozialen Umfeld Erwartungen formuliert und Druck ausgeübt. Dies wiederum kann Konsequenzen für die Anwendung von Recht – für Erbe, Landrechte, Gruppenzugehörigkeiten – und für die Veränderungen von Rechtssystemen haben.
Die Wampar sind aufgrund des stadtnahen Siedlungsraumes, vielfältiger interethnischer Kontakte und sehr guter Vorarbeiten und Datenlage für die Untersuchung des Themas besonders geeignet. In das Forschungsvorhaben sind die folgenden Teilprojekte integriert:
Transkulturelle Verwandtschaftsbeziehungen bei den Wampar im Dorf Gabsongkeg (Papua-Neuguinea)“ (B. Beer)
„Orale Traditionen und sprachliche Indikatoren interethnischer Beziehungen und transkultureller Verwandtschaft in Vergangenheit und Gegenwart bei den Wampar (Papua-Neuguinea)“ (H. Fischer)
„Kindheit und transkulturelle Sozialisation bei den Wampar im Dorf Dzifasing (Papua-Neuguinea)“ (D. Bacalzo)
Verwandtschaft ist für persönliche und Gruppen-Identitäten und die Abgrenzung sozialer Kollektive von Bedeutung. Überschreiten verwandtschaftliche Beziehungen soziokulturelle Grenzen, dann können diese dadurch verändert werden. Transkulturelle Verwandtschaft soll in den geplanten Projekten nicht nur als Summe individueller Beziehungen, sondern auch als politisch und rechtlich relevante Frage der Abgrenzung analysiert werden.
Fragen, die sich insbesondere auf rechtliche Probleme konzentrieren, sollen eventuell Gegenstand eines Folgeprojektes werden. In rechtlicher Hinsicht spielt transkulturelle Verwandtschaft auch in westlichen Industriegesellschaften für Unterhalts-, Zuwanderungs-, Namens-, Erb- und Adoptionsrecht eine Rolle und reicht in zahlreiche weitere Bereiche der Rechtsprechung und deren Anwendung hinein.
Ethnologie der Sinne: Empirische Forschungen zu Geruch, Geschmack und Tastsinn, laufendes Projekt
Seit den frühen 1990er Jahren ist das Interesse in der Ethnologie an der Bedeutung und Nutzung der Sinne, sowie an den Beziehungen der verschiedenen Sinne zueinander, gewachsen. Die Rede von einer 'sensory revolution' (Howes 2006) scheint jedoch etwas verfrüht, wenn man berücksichtigt, wie wenige substantielle empirische Arbeiten es bisher gibt. Unter den einflussreichen bislang erschienenen Veröffentlichungen haben mehrere sich auf Melanesien bezogen, etwa Steven Felds 'Acoustemology' (1990) und David Howes’ Vergleich zwischen den Trobriandern und Gesellschaften am mittleren Sepik und ihrer sinnlichen Wahrnehmung der Welt. David Howes und das Concordia Sensoria Research Team haben die Variationen der Hierarchien der Sinne in verschiedenen Gesellschaften in den Mittelpunkt gestellt. Dieser Ansatz wurde unter anderem von Tim Ingold (2000: 281) kritisiert: “its naturalisation of the properties of seeing, hearing and other sensory modalities, leading to the mistaken belief that differences between cultures in the ways people perceive the world around them may be attributed to the relative balance, in each, of a certain sense or senses over others.”
Aufbauend auf dem Konzept eines Sensoriums, verstanden als die Summe der genutzten Sinne geformt und genutzt in ihrem kulturellen Kontext, haben sich die folgenden Probleme, Themen und Fragen als Gegenstand laufender Forschungsprojekte und weiterer Diskussionen herauskristallisiert:
Das Forschungsprojekt beinhaltet empirische Forschungen zu den Nahsinnen auf den Philippinen (Visaya-Region) und bei den Wampar in Papua-Neuguinea (B. Beer) sowie die laufende Forschung von Yi Chen zum Thema „Geschmack und Nahrungsklassifikation in Auseinandersetzung mit westlichen Ernährungsweisen bei in Deutschland lebenden Chinesen“.
Forschungsschwerpunkt Wampar
Die Wampar (von Nachbarn "Laewomba" genannt) sind eine Bevölkerung und Sprachgruppe, die am mittleren Markham River in der Morobe-Provinz des heutigen Papua-Neuguinea siedelt. Erste Notizen über die Wampar finden sich in Berichten deutscher Goldsucher und Kolonialbeamter vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach Aufnahme friedlicher Kontakte durch den Mediziner und Ethnographen Richard Neuhauss und Missionare der Neuendettelsauer Mission im Jahre 1909 wurde 1910/11 eine Missionsstation (Gabmadzung) errichtet. Bereits Richard Neuhaus' "Deutsch-Neu-Guinea" (1911) enthält ethnographische Informationen und Fotos, die Neuendettelsauer Missionare hinterließen Berichte, gedruckte Lesebücher auf Wampar ab 1917 (Karl Panzer) und unpublizierte Aufzeichnungen aus den dreißiger Jahren (Georg Stürzenhofecker). Letztere wurden zum Anlass von Hamburg ausgehender ethnologischer Forschungen ab 1958.
In der ethnologischen Feldforschung ließ sich lange die Tendenz feststellen, dass jeweils spezifische Probleme durch einzelne Ethnologen in einzelnen Ethnien isoliert und in einem begrenzten Zeitraum untersucht werden. Dem soll das Konzept eines "Forschungsschwerpunktes" entgegenwirken. Darunter ist kein Forschungsprojekt mit einheitlicher Fragestellung, theoretischen Grundannahmen und zeitlicher Begrenzung zu verstehen. Vielmehr soll die Konzentration mehrerer Untersuchender auf eine Ethnie über einen zeitlich nicht begrenzten Zeitraum zu sich ergänzenden und kontrollierenden Ergebnissen, Möglichkeiten ganzheitlichen Verständnisses und nicht zuletzt auch dem Erkennen lokaler Unterschiede, interethnischer Beziehungen und kurz- und langfristiger Prozesse führen.
Durch bewusste und geförderte Unterschiedlichkeit der Untersuchenden, der Fragestellungen und Untersuchungsmethoden wird die kritische Auseinandersetzung um unterschiedliche und widersprüchliche Ergebnisse erreicht. Innerhalb des Forschungsgebietes arbeiten Untersuchende teils an verschiedenen Untersuchungsorten (Dörfern), teils an jeweils dem selben Ort. Hinzu kommt der zeitliche Aspekt: Es geht nicht um ein Projekt innerhalb eines vorgegebenen Zeitraumes, sondern um Wiederholungs- und letztlich Langzeitforschungen. Die Wampar sind eben so wenig wie andere Ethnien isoliert. Deshalb werden ihre Außenkontakte, interethnischen Beziehungen und Einbettungen in höhere Einheiten (etwa Kirche oder Staat) in den Forschungsschwerpunkt einbezogen. Erst dadurch werden Prozesse des Wandels und selbst Aspekte der Auflösung der alten Kultur verständlich.
1958 begann Hans Fischer seine erste Feldforschung in Neuguinea, besuchte Wampardörfer, hatte aber Kontakte mit Wampar vor allem in deren Missionsgebiet am unteren Watut. 1965 führte er dann seine erste längere stationäre Forschung im Gebiet der Wampar selbst durch, am Ort der früheren Missionsstation Gabmadzung. Weitere Forschungsaufenthalte folgten 1971/72, 1976, 1988, 1990, 1993, 1997, 1999/2000, 2003/04, und 2009 außerdem kürzere Besuche, alle im Dorf Gabsongkeg. Die Forschungsthemen reichten von Siedlung, Haushalt und Verwandtschaft, Sprache und oralen Traditionen bis zu materieller Kultur und Fadenspielen.
1976 untersuchte Heide Lienert als Studentin im Dorf Ngasawapum Fragen von Heirat und Verwandtschaft und schrieb ihre Magisterarbeit darüber. Sie besuchte Ngasawapum kurz nochmals 1984, 1994 und 2002.
Christiana Lütkes führte 1993 gemeinsam mit ihrem Mann Piotr im Dorf Tararan eine Untersuchung über Konzepte von "Arbeit" durch. Sie publizierte ihre Dissertation zu diesem Thema und eine Reihe von Aufsätzen zu unterschiedlichen Themen.
Begleitet von ihrer Tochter studierte Rita Kramp 1994/95 in Gabantsidz Fragen der Familienplanung. Auch sie promovierte zu diesem Thema (Kramp 1999).
Bettina Beer untersuchte 1997, 1999/2000, 2002, 2003/04 und 2009 in Gabsongkeg interethnische Beziehungen und Ethnologie der Sinne.
Die Studentin Paulina Reimann beschäftigte sich 2002 im Dorf Gabsongkeg während eines Feldforschungspraktikums mit Kinderspielen.
2002 lebte Juliane Neuhaus im Dorf Munun zu einem Forschungsvorhaben über Dorfgerichtshöfe und kehrte 2009 für einen Kurzaufenthalt zurück. Sie schreibt derzeit an ihrer Dissertation mit demTitel "Legal Pluralism and the challenges of state efficiency: Ethnography of the Local State in the Markham Valley, Papua New Guinea."
2009/2010 führte Doris Bacalzo bei einem gemeinsamen Forschungsaufenthalt mit ihrem Mann Tobias Schwörer eine Untersuchung zum Thema „Kindheit und transkulturelle Sozialisation bei den Wampar im Dorf Dzifazing durch.